Geschichte der Schokolade
Sowohl über die Herkunft des Kakaos, wie auch in weiterer Folge über die der Schokolade wird viel gestritten. Legenden mussten mancherorts fortschrittlicheren wissenschaftlichen Erkenntnissen Platz machen. Doch liegt es in der Natur der Sache, dass die Antwort auf das eine oder andere Rätsel über die Ursprünge der bittersüßen Köstlichkeit am Grund eines Sees aus Mythen und Sagen verborgen bleiben muss. Denn es ist wohl nicht zuletzt genau jener Hauch von Geheimnis und Unerklärlichkeit, der der Schokolade die vielzitierte Sinnlichkeit verleiht.
Wenn auch die Geschichte der Schokolade von den Wissenschaftlern, Historikern und Schokoholics der Welt nicht immer ganz deckungsgleich erzählt wird, so möchten wir doch im Folgenden den Versuch wagen eine "Eine kurze Geschichte des Kakaos" zu umreißen. Die angegebenen Jahreszahlen sollen dabei nur als Orientierungshilfe dienen - bekanntlicherweise halten sich die wenigsten kulturellen Entwicklungen strikt an zeitliche und/oder geographische Demarkationslinien.
Die Ursprünge des Kakaos
Die Ursprünge der Kakaopflanze - oder Theobroma cacao - also "Speise der Götter" - dürften im Amazonasbecken und in einem Gebiet im heutigen Venezuela liegen. Dort entstand am Ende einer glücklichen Kettenreaktion eine hochwertige Kulturpflanze, die infolge ihre Reise in Richtung Norden - ins heutige Mexiko - sowie letztendlich rund um den Erdenball antrat.
"Braunes Gold"
Zunächst wurden die Samen der Kakaofrucht von den Einwohnern des süd- und mittelamerikanischen Urwalds als Zahlungsmittel verwendet. Nur das säuerliche Fruchtfleisch diente als Nahrungsmittel - einer Theorie zufolge waren es übrigens die Affen, die die Menschen auf die Idee brachten, das weiße Mus könnte unter Umständen recht köstlich sein.
The Missing Link, oder: von der Bohne zur Schokolade
Und auch im letzten Schritt, der die Menschheit an diesem Punkt der Geschichte noch von der Entdeckung des braunen Goldes trennte waren einer Legende zufolge Tiere im Spiel: Demzufolge sollen es die Ameisen gewesen sein, die die Menschen lehrten wie man aus den Kakaofrüchten Schokolade gewinnt.
Eine andere Sage betont hingegen den göttlichen Ursprung der Speise der Götter: Sie berichtet von einem Sterblichen namens Quezalcoatl - er wurde letztendlich in den Götterhimmel aufgenommen, der die Kakaobohnen aus dem gesegneten Land der Sonne, in dem es niemandem an etwas fehlte, mitgebracht und den Menschen geschenkt haben.
Wann und wie genau der entscheidende Schritt getan wurde, wird wohl nie mit Sicherheit gesagt werden können. Ob schicksalhafter Zufall oder aber eine unspektakulär anmutende Übertragung ("Wenn Kürbiskerne geröstet und gemahlen köstlich schmecken - warum sollte das nicht auch mit dieser neuartigen Frucht funktionieren?") - sicher ist, dass es geschehen ist: Die Kakao-Samen wurden getrocknet, geröstet und zu der duftenden Masse gemahlen, die als Mutter aller Schokolade gelten darf.
Wem gebührt die Ehr?
Welchem mittelamerikanischen Volk wir nun aber letztendlich die Erfindung unserer leidenschaftlich geliebten Götter-Speise verdanken, ist nach wie vor nicht gänzlich geklärt. Fest steht, dass die Azteken die Schokoladekultur nur aus zweiter Hand - im Zuge ihrer Eroberungen - übernommen und in weiterer Folge verfeinert haben.
Ganz am Anfang dürften die bis heute kaum bekannten Olmeken stehen - eine Zivilisation, die von 1500 v.Chr. bis 400 v.Chr. am Golf von Mexiko Bestand hatte, und als erste die Kakaopflanze kultiviert haben dürfte. Ebenso wie die Azteken dürften die Maya das Wissen um das Geheimnis des Kakaos von den Olmeken übernommen haben.
Erste Experimente
Es gelang den meso-amerikanischen Schokolade-Pionieren aber nicht nur, die Kakaopflanze zu domestizieren und sie nach den Gesetzen natürlicher Wechselbeziehungen anzubauen. Vielmehr erforschten sie auch schon die kulinarischen Möglichkeiten der neuen Frucht. So wurde die duftende Masse (in Bällchen geformt durch Trocknung haltbar gemacht) mit den verschiedensten anderen edlen Zutaten gemischt: Vanille, extravagante Kräuter, Blütenblätter, Chilis, Agavensaft, Honig, . . . - die Experimentierfreude kannte schon in den frühen Anfängen der Schokolade keine Grenzen und stellt wohl so manche moderne Kreationen noch bei weitem in den Schatten.
1502: Columbus verkennt das Braune Gold
Als Christopher Columbus zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts das erste Mal mit Kakao und den Traditionen, die sich um die kostbare Pflanze entwickelt hatten, in Berührung kam, erkannte er noch nicht ihren (kulinarischen) Wert. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Kakao schon als hochgeschätztes Handelsgut im Golf von Mexiko durchgesetzt.
1519: Hernán Cortés wittert Reichtum
Erst als siebzehn Jahre später Hérnan Cortés mit seiner Armee in Mexiko einfiel, begann es dem Europäer zu dämmern mit welchem Schatz er es hier zu tun hatte. Unermüdlich auf der Suche nach neuen Quellen des Reichtums, entging dem Konquistador nicht, dass man in diesem ihm fremden Land gänzlich alles für eine bestimmte Anzahl der braunen Bohnen erstehen konnten. Zudem war der daraus gewonnene Trunk der aztekischen Elite - den Göttern (als Opfergabe), dem Kaiser, den Edelleuten und Soldaten vorbehalten war.
Aus den Schriften spanischer Missionare geht hervor, dass die Mexikaner über Kakao und Schokolade nicht nur bestens Bescheid wussten, sondern dieses Wissen auch großzügig an die Spanier weitergaben.
Eine Bohne geht auf Reisen
Wertschätzung, wie sie der Kakaopflanze in Mittelamerika entgegengebaracht wurde, erfuhr der Baum der Götter allerdings erst wieder in Europa. Zwar erkannte Cortés wohl den monitären Wert des Kakaos, doch war seine Wahrnehmung wohl auf wirtschaftliche Aspekte beschränkt. Er nahm das erneuerbare braune Gold an sich und baute es in Haiti, Trinidad und wahrscheinlich auch auf Sao Tomé an.
1500-1600: Schokolade als Staatsgeheimnis
Cortés machte sich des weiteren verdient indem er den bitteren Trunk der Azteken derart adaptierte, dass er auch dem europäischen Gaumen zu gefallen vermochte. Das Süßen der Schokolade - zunächst optional - wurde nun unverzichtbar. Auf die Spanier geht auch der (Rohr)Zucker in der Schokolade zurück. Nachdem dieser Süßstoff in prä-hispanischen Zeiten in Mexiko gänzlich unbekannt war, hatten die Schokolade-Pioniere dort Honig oder Agavensaft zum Süßen verwendet.
Nachdem Kakao auf diese Weise im sechzehnten Jahrhundert an den spanischen Königshof gelangt war, blieb er für die nächsten hundert Jahre ein wohlbehütetes Geheimnis desselbigen.
Der gefinkelten Heiratspolitik des Heiligen Römischen Reiches verdankt der Schokoladetrunk schließlich seinen Einzug in die europäischen Paläste, wo flüssige Schokolade fortan als unverzichtbares Modegetränk gehandelt wurde. Zu dieser Zeit hatte das Schokoladetrinken in den spanischen Hochburgen Mexikos bereits Kultstatus errreicht.
1600-1800: Kakao als Medizin
Auch die nächsten 200 Jahre blieb Kakao nur den Königshäusern und dem Adel vorbehalten. Zu dieser Zeit wurde er nur in speziell lizenzierten königlichen Apotheken verkauft - galt also nicht so sehr als Lebensmittel denn als wertvolle, in ihrer Wirkung nicht zu unterschätzende Medizin.
Die nun stetig steigende Nachfrage und die daraus resultierende immer größere Produktion von Kakao konnte allein durch die afrikanischen Sklaven bewältigt werden. Nur mit ihrer Hilfe konnte die Kakaowirtschaft gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts und im achtzehnten Jahrhundert expandieren.
Vom Luxusgut zur Alltagsnahrung
Mitte des neunzehnten Jahrhunderts führten zwei Faktoren zu einer weiterem Quantensprung in der Verbreitung des Kakaos. Zum einen wurde die exorbitant hohe Besteuerung des Kakaos auf einen Bruchteil gesenkt. Ebenso sank der Preis für Zucker. Parallel dazu stieg im Zuge der industriellen Revolution der allgemeine Lebensstandard.
1882: Conrad Van Houten
Zur gleichen Zeit revolutionierten neue technische Verfahren die Schokoladeproduktion:
1828 erfand der Niederländer Conrad Van Houten eine Maschine zum Abpressen von Kakaobutter aus der flüssigen Kakaomasse. Der so entölte "Kakao" kam in den Handel und ermöglichte eine einfachere, raschere Zubereitung von Trinkschokolade.
Die so neu geschaffenen Möglichkeit Kakaopulver und Kakaobutter in einem beliebigen Verhältnis zu mischen resultierte in einem neuen wirtschaftlich in höchstem Maße erträglichen Produkt, der Schokolade zum Essen. Schokolade verwandelte sich dadurch mehr und mehr in ein billiges Alltagsprodukt.
Van Houtens zweite Erfindung bestand in der Alkalisierung des Kakaos, nach der er sich besser in Flüssigkeit auflöste, was die Schokolade dunkler machte und ihre durch Mängel in der Produktion entstandene Bitterkeit kompensierte.
1879: Roderich Lindt
Es lag in der Natur der Sache bzw. des Rohstoffes, dass Schokolade zu jenem Zeitpunkt noch rau und körnig war. Die Zeit war gekommen für einen Schweizer und seine Innovation: Roderich Lindt erfand ein neues Verfahren, in dem der Mahlvorgang der gerösteten Kakaobohnen mit Zucker um eine Stufe erweitert wurde, was man als Conachieren bezeichnete.
Das Ergebnis dieses Vorgangs war eine zart schmelzende Schokolade - zunächst als Rohstoff für die Herstellung von Pralinen, bald jedoch die Norm. Von da an konnte Schokolade auch leichter zum Backen und Kochen verwendet werden.
In Summe führten diese Neuerungen in der Schokoladeproduktion dazu, dass das einstige schwer elitäre Luxusgut zu einem billigen Massenprodukt mutierte.
Daneben gab es natürlich immer jene Menschen, deren Gaumen zu fein waren, als dass sie der Quantität vor der Qualität den Vorrang gegeben hätten. Ebenso gab und gibt es jene Chocolatiers, denen nichts mehr am Herzen liegt als in einem sorgfältigen Produktionsprozess aus hochwertigen Zutaten hochwertige Gaumenfreuden zu kreieren. - Denn Schokolade ist nicht gleich Schokolade, Kakao nicht gleich Kakao. Wie bei anderen Genussmitteln - dem Wein, Tee oder Kaffee - so liegen auch beim Kakao Welten, wenn nicht ganze Universen zwischen der Edel- und der Konsumvariante.